Ich gebe den Hut weiter
Long time no see.
Manchmal habe ich ein ganz klein wenig ein schlechtes Gewissen, dass ich so lange nichts von mir habe hören lassen und euch so lange im Unklaren gelassen habe. Doch manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit und müssen erst mal in Ruhe reifen.
Erst mal vorweg: Mme Benoir wird weiter existieren. Sie wird sich nach ihrem Umzug wie Phoenix aus der Asche erheben. Während ich euch hier schreibe, beobachte ich draußen die Jungvögel bei ihren ersten Flugversuchen zur Futterstelle und muss an die Szene aus Harry Potter denken, in der Fauwkes, Dumbledores Phoenix als rußiges Küken aus der Asche schlüpft, sich schüttelt und dann wieder zum schillernden Vogel erwächst und sich in die Luft erhebt.
An diesen kraftvollen Flug von Mme Benoir glaube ich fest, denn die Werte für die wir standen, das starke Konzept unserer Farben und die Qualität bleiben bestehen. Sabine nimmt sich die Zeit, alles auf solide Füße zu stellen, geht mit achtsamem Blick und großer Professionalität an die Sache heran und wird euch bald wieder mit euren geliebten Garnen und Farben beglücken.
Doch wie kam es dazu?
Ich ahne, dass es Gerüchte gibt, dass es einfach nicht lief, die Umsätze nicht gereicht haben und ich gezwungen war, aufzugeben. Das möchte ich entschieden zurückweisen. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, ein schlecht laufendes Unternehmen zu veräußern. Ganz im Gegenteil: meine Steuerberaterin konnte nicht glauben, dass ich Mme Benoir abgebe, noch dazu, zu dem Preis.
Lange habe ich vehement abgestritten, dass ich aus gesundheitlichen Gründen aufhöre, ich habe schließlich keine schwere körperliche Krankheit. Aber am Ende war es genau das: ein gesundheitlicher Grund, ein massiver Burnout.
Mme Benoir ist mir einfach über den Kopf gewachsen.
Ich habe kurze Zeit davon geträumt eine große Färberei aufzubauen, weltweit Geschäfte und Kunden zu beliefern, mit bekannten Designern zusammen zu arbeiten und für meine Garne so richtig berühmt zu werden. Was das aber für mich bedeuten würde, war mir nicht klar. Dass mir mit zunehmendem Alter meine autistischen Symptome dermaßen im Weg stehen würden, wenn es darum geht Kontakte zu pflegen, Netzwerke zu knüpfen, zu reisen und ständig auf social media präsent zu sein, hatte ich nicht auf dem Schirm. Immer wieder habe ich versucht, mich zu zwingen „über meinen Schatten zu springen“, „mich nicht so anzustellen“, „diese Kleinigkeiten doch einfach schnell zu erledigen“, doch es ging nicht. Was folgte waren Selbstvorwürfe, ein komplett überreiztes Nervensystem und nach wenigen Jahren des „vielleicht schaffe ich es morgen endlich“ dann der unvermeidbare Burnout.
Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es zwar ein Traumjob ist, aber eben nicht meiner.
Am Ende meiner Kräfte habe ich dann ohne viel Federlesen ganz schnell die Entscheidung getroffen, Mme Benoir an jemand anderen abzugeben. Am Liebsten hätte ich den Prozess schon Mitte Februar hinter mir gehabt um mich dann völlig befreit auf mich selbst zu konzentrieren, einen kompletten Neustart zu machen. Aber so schnell geht das dann doch auch nicht. Sabine und ich haben uns zwar schnell gefunden, aber hatten beide noch einiges zu organisieren, bevor es endgültig zum Umzug des Labels kommt.
Ich für meinen Teil habe mir kaum Zeit gelassen wieder zu mir selbst zu finden. Aus tiefster, intrinsischer Motivation habe ich zum Jahreswechsel eine Ausbildung in Integrativer Psychotherapie und zum Heilpraktiker für Psychotherapie angefangen, noch bevor ich im Alleingang die letzte Bestellungen gefärbt und versandt hatte. Jetzt bin ich völlig in diesen Kosmos abgetaucht und darf jeden Tag so viel Neues lernen.
Zudem habe ich mich zu einer Umfassenden AD(H)S, Autismus und HB Diagnostik angemeldet. Ich möchte meine Themen aufarbeiten und später auch in der Lage sein, Menschen, denen es ähnlich geht wie mir, zu helfen. Ich wollte schon als Jugendliche Psychologie studieren (Ach Kind, die Psychologen haben doch alle einen an der Klatsche. Mach lieber was anständiges.) und fühle mich jetzt wirklich in mir angekommen.
Zum Ausgleich bin ich natürlich immer noch kreativ, aber jetzt mit Farbe auf Leinwand und Papier. Die Stricknadeln habe ich auf unbestimmte Zeit eingelagert. Wenn das liebste Hobby zum schmerzhaften Trauma wird, macht es keine Freude mehr. Angefangen hat es damit, dass ich nur noch überlegt habe, mit welchen Garnen und Farben ich welche angesagten Muster stricken sollte um etwas zu verkaufen. Nicht „was möchte ich stricken“ sondern „was soll ich“ und später „was muss ich“ zeigen. Dieses Trauma hat sich so psychosomatisch in meiner Schulter manifestiert, dass ich keine 10 Runden stricken kann ohne schlaflose Nächte vor Schmerzen.
Dem Farben Mischen bin ich aber treu geblieben und befreie mich jetzt mit abstrakten Flächen und unkontrollierten Schwüngen von den strengen Regeln und klaren Vorgaben der Strickanleitungen und ganz ohne den Druck etwas verkaufen zu wollen, nur für mich. Auch dabei kann ich einiges aufarbeiten und wieder zu mir selbst zurück finden, zu meinem freien und selbstbewussten Selbst, dass ich irgendwo zwischen Jugend und heute verloren habe.
Auch wenn es Bereiche gab, die nicht die meinen Waren, bin ich Euch für die tolle gemeinsame Zeit mit Mme Benoir sehr dankbar. Ich habe so tolle Menschen kennengelernt, spannende Fachgespräche über Fasern, Farben und Anleitungen geführt und darüber hinaus auch viele nette persönliche Kontakte.
Hiermit verabschiede ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von euch und übergebe voller Zuversicht an Sabine.
Alles Liebe
Jule
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